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Für einander da

Für einander da

Vor einigen Wochen saß ich als Heimlehrer am Krankenbett eines Bruders, der mit seiner Familie weit entfernt von unserem Gemeindehaus wohnt. Er ist hörbehindert und tut sich deshalb schwer, sich sprachlich gut und verständlich auszudrücken. Aber er besitzt einen wachen Verstand und ist fähig, wunderschöne und tiefgründige Gedichte und Schreiben zu verfassen.

Josef ist zum ersten Mal seit vielen Jahren ist von seiner Familie getrennt, das ist ihm völlig fremd und sein Bestreben ist es, ehestmöglich wieder mit seiner Frau beisammen zu sein. Seine beiden Beine sind wegen mehrerer Operationen zur Gänze bandagiert, und ein weiterer operativer Eingriff an einem anderen Körperteil steht noch bevor.

Und dazu ist es gekommen, weil er stets in liebevoller Fürsorge Rücksicht auf seine Frau und seine Kinder genommen hat. Seine Frau sitzt nämlich schon seit Jahrzehnten im Rollstuhl und so ist er seit zahlreichen Jahren Hausmann und Pfleger. Und weil er selbst auf Grund jahrelanger Tätigkeit in einem Steinbruch ständig Schmerzen in den Gelenken hat, fällt ihm diese Arbeit zunehmend schwerer.  Aber er tut sie unentwegt, und seine Frau Hazel sagte uns: „Immer komme ich in seiner Sorge zuerst dran, danach die Kinder und irgendwann er selbst.“

Und so ist es auch dieses Mal geschehen. Erst dann, als er kaum noch stehen konnte, ging er zum Arzt. Dieser schlug die Hände über dem Kopf zusammen und wies ihn sofort in die Klinik ein. Wenig später hätte man ihm die Beine amputieren müssen, so die Meinung der behandelnden Ärzte.

Während dieser Zeit wurde seine Frau auch in der Klinik untersucht und anschließend in einem Pflegeheim untergebracht. Dort konnte ich sie gemeinsam mit meiner Frau besuchen, und sie offenbarte uns, dass sie sich trotz bester Pflege im Heim ständig nach der Fürsorge ihres Mannes sehnt.

Mittlerweile sind beide wieder daheim und mühen sich weiterhin füreinander ab – solange, bis ein Pflegedienst in Aktion tritt. Während ihrer Abwesenheit von der Wohnung haben die Kinder zu Hause alle Aufgaben übernommen sowie alle Personentransporte durchgeführt. Sie unterstützen ihre Eltern auch stets, soweit dies mit Rücksicht auf Beruf und Entfernung möglich ist.

Mich haben Josefs Selbstlosigkeit, seine innige Bindung zu seiner pflegebedürftigen Frau und die Sorge um seine Kinder tief berührt. Ja, was dieser Bruder in seinem Leben geschaffen hat, ist wirklich Familie, ein Ort, wo die Liebe wohnt.