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Das Fastopfer: ein Ausdruck des Mitleids

Elder Obando, Gebietssiebziger
Elder Adonay S. Obando Spanien, Gebietssiebziger

Wie der Apostel Paulus sagt, ist das ganze Gesetz in einem Wort zusammengefasst: Du sollst lieben (siehe Galater 5:14). Wahre Liebe, sagt Paulus ferner, entspringt einem reinen Herzen und ungeheucheltem Glauben (siehe 1 Timotheus 1:5). Zu unserem Glauben gehört als wichtiger Punkt, irgendwann eigenständig zu werden – und das geistig ebenso wie wirtschaftlich. Die Eigenständigkeit war und ist eine der Prioritäten, zu denen die Heiligen in dieser Evangeliumszeit angehalten werden. Der Weg zur Eigenständigkeit kann allerdings lang sein. Mitunter wird er unterbrochen durch Krankheit, finanzielle Rückschläge und persönliche oder andere Entscheidungen. All dies kann den Weg zur wirtschaftlichen Eigenständigkeit, die ja ein Teilbereich ist, behindern. Der andere Teilbereich ist die geistige Eigenständigkeit. Es sind zwei Seiten derselben Münze – einer umfassenden Eigenständigkeit (vgl. Präsident Dieter F. Uchtdorf, „Vorsorge auf die Weise des Herrn“, Liahona, November 2011, Seite 53).

Ohne erst zu überlegen, welchen Grund das Missgeschick von Brüdern und Schwestern hat, die in Not geraten sind, sollte wahre Liebe uns dazu bewegen, Mitleid zu empfinden. Und das kann man ganz wörtlich auffassen: Wir leiden mit dem anderen! Der Erlöser „hat herzliches Erbarmen und ist von Mitleid für die Menschenkinder erfüllt“ (Mosia 15:9). Er ist für uns das vollkommene Beispiel an Mitleid und Nächstenliebe. Immer wenn der Herr jemandem nahekam, der in Not oder Bedrängnis war, hat er sich nicht von ihm abgewandt und zunächst einmal die Gründe erforscht oder eine schlechte Entscheidung verurteilt. Er hat in seiner vollkommenen Liebe für jeden Mitleid empfunden und dann sofort gehandelt und dessen Not oder Gebrechen gelindert.

So wie die Witwe, die kaum etwas zum Leben hatte, dennoch ein Opfer brachte (siehe Markus 12:41-44), hat auch jedes Mitglied der Kirche die wunderbare Möglichkeit, anderen in Form von Fast- und Opfergaben göttliches Mitleid zu erweisen. Ungeachtet ihrer gesellschaftlichen Stellung oder der vorhandenen Mittel fasten die Heiligen der Letzten Tage einmal im Monat. Sie festigen ihre eigene geistige Eigenständigkeit und verhelfen Menschen in Not zu der ihren, indem sie Fastopfer zahlen.

„Der Herr nannte sein Volk Zion“ (Mose 7:18), als er sah, dass es drei Voraussetzungen der Tugend erfüllte: Es war eines Herzens, es lebte in Rechtschaffenheit, und es gab keine Armen in seinen Reihen. Es ist kein Zufall, dass Zion „die im Herzen Reinen“ (LuB 97:21) bedeutet. Wieder einmal zeigen uns die heiligen Schriften, dass ein reines Herz zu Mitleid und Erbarmen führt, woraus dann Nächstenliebe erwächst. Als dem Volk Henochs bewusst wurde, was das Gebot bedeutet, dass man seinen Nächsten lieben soll wie sich selbst (siehe Matthäus 22:39), empfand es Mitleid mit Brüdern und Schwestern, die weniger Glück gehabt hatten. Gemeinsam machte es sich ans Werk, um den Armen und Bedürftigen beizustehen, bis es keine Armen mehr gab.

In einer Welt, die sich immer weiter von den Lehren des Erlösers abwendet, haben viele unserer Brüder und Schwestern Mühe, unter widrigen Umständen, in schwierigen Verhältnissen und mit begrenzten Möglichkeiten zu voller Größe heranzuwachsen. Wir können unseren Glauben erneuern, indem wir Mitleid haben. Unser Glaube an Jesus Christus und sein Evangelium reichen völlig aus, um für Menschen in Not Mitleid und Nächstenliebe aufzubringen. Überzeugt von der Hoffnung auf eine bessere Welt, können wir unseren Brüdern und Schwestern mit einem großzügigen Fastopfer durchaus beistehen, wenn unser Herz voller Liebe und Mitleid ist.

Wenn wir unser Leben dankbar annehmen, werden wir uns bewusst sein, dass es immer Menschen gibt, die in noch größerer Not sind als wir. Wir werden uns dann wie die Witwe verhalten, die es auch unter schwierigsten Bedingungen als ein heiliges Vorrecht betrachtete, den Armen und Bedürftigen beizustehen.

Fasten und das Fastopfer zahlen kann ein Teil unseres Lebens werden. Wir können in der Familie und in unserer Gemeinde dafür eintreten. Wenn wir uns treu daran halten, werden wir den Nachfolgern Jesu ein Licht sein. Der Erlöser wird unser Führer sein. Unser Volk wird wie die Quelle sein, deren Wasser nie versiegt (siehe Jesaja 58:11). Vor allem aber werden wir uns um die Armen und Bedürftigen kümmern, sind wir doch alle Kinder desselben Vaters. Getragen von seiner Liebe bewahren wir uns die Vergebung unserer Sünden und können so „ohne Schuld vor Gott wandeln“ (Mosia 4:26).